Welche Eingriffe braucht es am Rhein?

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Samstag 20. Juni 2026
Exkursion der Gesellschaft für Werdenberger Geschichte und Landeskunde (WGL) zum Thema laufende Projekte am Rhein.

Bericht von Heini Schwendener, publiziert im W&O am 22. Juni 2026

Sevelen Die Internationale Rheinregulierung, die nach dem Staatsvertrag von 1892 gestartet wurde und bis 1934 dauerte, hat den Alpenrhein gebändigt und die Hochwasser in den Bodensee verfrachtet. Die Rheinnot existiert seither nur noch in den Geschichtsbüchern, Hochwasserkatastrophen sind ausgeblieben. Doch warum wird immer wieder am Rhein gebaut und sehr viel Geld ausgegeben, wenn doch die Sicherheit gewährleistet scheint? Eine Exkursion der WGL am Samstag am Rhein bei Sevelen hat sich dieser Frage angenommen. WGL-Präsident Eduard Neuhaus konnte den Rheinbauleiter Daniel Dietsche und Thomas Gasser, Leiter Projekte und Verfahren beim Rheinunternehmen, als kompetente Referenten gewinnen.

Sicherheitsanforderungen haben sich geändert

Die Rheinkorrektionen waren ursprünglich für ein Hochwasserereignis (2250 m3/sec) ausgerichtet, das etwa alle 100 Jahre auftreten kann. Doch in den vergangenen 100 Jahren ist die Bevölkerungszahl im Alpenrheintal stark gewachsen, das überbaute Gebiet mit Wohnhäusern, Infrastrukturanlagen, Gewerbe- und Industriebetrieben nimmt grosse Teile des Rheintals ein. Würde heute der Rhein über die Ufer treten oder es käme zu einem Dammbruch, wären die Schäden ungleich höher als in all den Jahrhunderten zuvor. Folglich steigen die Sicherheitsanforderungen an die Verbauungen des Alpenrheins. Diese müssen nun einem Ereignis, das statistisch alle 300 Jahre vorkommen kann (3350 m3/sec), standhalten. Zum Vergleich: Die mittlere Abflussgeschwindigkeit bei Diepoldsau beträgt etwa 233 m3/sec. Die beiden Referenten erläuterten den Bau und die Funktionsweise der Hochwuhre von der Tardisbrücke bis Oberriet und der Doppeltrapezprofile von Oberriet bis zum Bodensee. Weil diese Rheinkorrektionen inzwischen in die Jahre gekommen sind und sich die Rheinsohle gesenkt hat, wurden die Rheinverbauungen auf ihre Funktionalität untersucht. Dabei wurden verschiedene Schwachstellen entdeckt, wie sie auf der Grafik oben auf dieser Seite dargestellt sind.

Priorität: Sanierungen in unserer Region

Das Ergebnis: Sanierungsmassnahmen an den Dämmen sind notwendig, auf der Wasser- und teils auch auf der Luftseite. Die zuständigen Fachstellen und Behörden haben die Sanierungsmassnahmen priorisiert. Höchste Priorität haben in unserer Region Sanierungen im Raum Sevelen/Vaduz und Buchs/Schaan. Auf dem Rheinabschnitt zwischen Sevelen und Vaduz sind Aufweitungen des Alpenrheins (vgl. Grafik rechts) eine Möglichkeit, um die Sicherheit der Rheinverbauungen zu verbessern. Diese Absichten sind seit einiger Zeit bekannt. Somit brannte den rund 20 Interessierten, die an der WGL-Exkursion teilnahmen, die Frage auf den Lippen: Wann ist mit einer Aufweitung des Rheins zu rechnen? Kurz: Hier reden wir angesichts der Komplexität des Vorhabens, bei dem sich Hochwasserschutz, Naturschutz und Wirtschaftlichkeit teilweise in die Quere kommen, nicht nur von Jahren, sondern realistischerweise wohl von Jahrzehnten. Die unendliche Geschichte des Hochwasserschutzprojekts Rhesi zwischen Illspitz und Bodensee lässt grüssen. Dort handelt es sich allerdings um ein viel grösseres Projekt als die angedachte Rheinaufweitung im Raum Sevelen/Vaduz. Erschwerend kommt hinzu: Unter dem Boden, wo ein aufgeweiteter Rhein dereinst fliessen könnte, befindet sich eine grosse Gasleitung. Gleichwohl besteht Handlungsbedarf. Begonnen hat die Rheinbauleitung im April 2025 mit Unterhaltsmassnahmen zum Uferschutz. Seither wurden auf einer Strecke von knapp drei Kilometern grosse Steine verbaut. Ausserdem muss eine Interventionspiste auf der Luftseite des Rheindamms gebaut werden. Die interessanten Ausführungen der beiden Referenten führten während der Exkursion und beim anschliessenden Apéro zu interessanten Diskussionen unter den Teilnehmenden.

«Leben am Fluss» – interessantes Buch zum Thema

Im vergangenen Jahr ist im Schwabe Verlag ein Buch über den Alpenrhein erschienen, das Luca Locher, 1996 in Maienfeld geboren, verfasst hat. Das Buch trägt den Titel «Leben am Fluss. Der Alpenrhein von Reichenau bis Buchs 1790–2020». Es markiert Band 42 der Quellen und Forschungen zur Bündner Geschichte. Luca Locher hat an der Universität Bern Geschichte und Geografie studiert. Zu Lochers Forschungsinteressen gehören Naturkatastrophen und ihre Bewältigung. Ein Fazit von Luca Lochers Forschung lautet: Lösungen für die verschiedenen Probleme am Alpenrhein mussten und müssen bis heute in enger Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Herrschaften, Kantonen und Ländern gefunden werden. (she)

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