Seveler Freiheitsbaum ist echt

Dendrochronologie-Experte stellt fest: Die Teile des Freiheitsbaums stammen aus dem Winter 1797/98.

Bericht von Heini Schwendener publiziert im W&O vom 23. April 2026.

Sevelen Dank der Beharrlichkeit des Historikers Werner Hagmann (Zürich/Sevelen) konnte 2025 ein 6,13 Meter langes, erstaunlich gut erhaltenes Stück eines mutmasslichen Freiheitsbaums aus dem Jahr 1798 in Sevelen aufgespürt werden. Nach einer dendrochronologischen Untersuchung steht inzwischen fest, dass dieses eindrückliche Relikt aus der Geburtsstunde der politischen Freiheit in unserer Region tatsächlich echt ist.

An der Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Werdenberger Geschichte und Landeskunde (WGL) in Sevelen wurde dieser erfreuliche Befund verkündet. Werner Hagmann ist dem Teilstück des Freiheitsbaums auch dank eines Hinweises von Bernhard Buchmann, der kürzlich verstorben ist, auf die Spur gekommen.

43 Freiheitsbäume zwischen Wartau und Oberriet

Hagmann ging in seinem Referat auf die Geschichte der Freiheitsbäume ein, die ihren Ursprung im Jahr 1765 in Boston haben. Als Freiheitssymbol etablierte sich der Freiheitsbaum später auch im Frankreich der Revolutionszeit.

Der Einfall französischer Truppen in die Schweiz und die Kapitulation Berns am 5. März 1798 besiegelten das Ende der Alten Eidgenossenschaft. Die Befreiung von der jahrhundertealten Knechtschaft wurde im März und April 1798 vor allem in den bisherigen Untertanengebieten, zu denen auch das Werdenberg gehörte, mit Volksfesten gefeiert. Freiheitsbäume wurden aufgestellt, allein 43 zwischen Wartau und Oberriet. Auf Seveler Boden wurde um fünf bemalte Stämme gefeiert.

Später wurden wohl die meisten Freiheitsbäume zu Brennholz oder als Bauholz weiterverwendet. Auch der im Werkhof Sevelen gelagerte Stammteil des Freiheitsbaums weist Ausnehmungen auf, was darauf hinweist, dass er einmal als Bauholz im Einsatz war.

Dendrochronologische Untersuchung

Die WGL hat den Archäologen und Dendrochronologie-Spezialisten Mathias Seifert aus Chur beauftragt, das Alter dieses 6,13 Meter langen Teilstücks zu ermitteln. Ebenso in die Untersuchung miteinbezogen wurde ein weiteres, 2,33 Meter langes Teilstück des mutmasslich gleichen Freiheitsbaums, welches sich im Privatbesitz von Markus Frick befindet.

In Seiferts Bericht heisst es: «Die Fällung des Fichtenstammes erfolgte (…) im Winterhalbjahr 1797/1798. Da die Freiheitsbäume nach der Überlieferung im März/April des Jahres 1798 aufgestellt wurden, dürfte der Fichtenstamm von Sevelen in einem dieser Monate, noch vor der Ausbildung der Frühholzzellen des Jahrringes 1798, die vermutlich erst im Mai einsetzte, gefällt worden sein.» Eine Zweitmeinung hat Mathias Seiferts Erkenntnis bestätigt.

Zusätzlich hat Seifert eine «Ferndiagnose» zur Bemalung des Freiheitsbaums von Cornelia Marinowitz, Spezialistin für historische Malerei und Farben, angefordert. Sie hielt fest, dass die Bemalung durchaus aus der Zeit um 1798 stammen könnte.

Mathias Seifert, der übrigens Seveler Wurzeln hat, erklärte den WGL-Mitgliedern die Dendrochronologie. Diese präzise wissenschaftliche Methode ermöglicht die zeitgenaue Bestimmung des Alters von Holz, basierend auf der Analyse von Jahresringen. Die Breite und Struktur der Ringe werden durch Klima und Wetter beeinflusst. Sie ermöglichen den Abgleich mit Referenzkurven, um Fälldaten von Bäumen bis auf das Jahr genau zu datieren. Inzwischen gibt es solche Referenzkurven als Jahrringkalender für Hölzer auf der ganzen Welt. Für Eichen gibt es unterdessen Jahrringkalender, die bis in die Zeit um 10’000 vor Christus reichen.

In Sevelen hat Mathias Seifert die Jahrringfolge des grossen Teilstücks des Freiheitsbaumes am Stammende fotografisch erfasst, dem kleineren Teilstück konnte ein Bohrkern entnommen werden. Diese Bilder wurden computerunterstützt mit den Jahrringkalendern für Fichten abgeglichen, mit besagtem Resultat.

Unikat, bis jemand das Gegenteil beweist

Werner Hagmann wurde von Fachleuten bescheinigt, dass niemand in der Schweiz je von der Existenz eines Freiheitsbaums aus dem Jahr 1798 etwas gehört oder gesehen habe. Der Historiker hält darum den Seveler Freiheitsbaum als Unikat, «solange nicht jemand das Gegenteil beweisen kann.»