Johann Jakob Burgäzzi,

 ein Schweizer Gründungsmitglied der Tübinger Burschenschaft.

Es war Anfang der 1980er Jahre auf dem Haus der Burschenschaft Germania Tübingen, als ich am Rande einer Festlichkeit den damaligen Archivar dieser Studentenverbindung traf. Er beschäftigte sich gerade mit dem seinerzeit noch handschriftlichen Mitgliederverzeichnis der „Germanen“, das seit ihrer Gründung im Jahr 1816 erhalten ist. Ich bin Historiker und war sofort interessiert. Wir haben gemeinsam ganz am Anfang der Liste geblättert. Und was habe ich da entdeckt? Unter den Namen der Gründungsmitglieder habe ich meinen Namen gefunden! Und zwar in der Person des Johann Jakob „Burgätzi“ (04.01.1797 – 08.01.1858) aus Sevelen in der Schweiz. Üblicherweise wird der Familienname mit „zz“, also Burgäzzi geschrieben. Mittlerweile liegt das Mitgliederverzeichnis als Privatdruck vor (Bild 1).

Schon vor dem Tübingenbesuch hatte ich bei meinen eigenen familiengeschichtlichen Forschungen herausgefunden, dass meine Vorfahren bald nach dem Dreißigjährigen Krieg aus Sevelen nach Südwestdeutschland ausgewandert waren. In den früheren Jahrhunderten haben die Pfarrherren die Namen der Leute nach dem Gehör in die Kirchenbücher eingetragen. Weil die meisten Menschen damals nur schlecht lesen und schreiben konnten, gibt es heute viele verschiedene Varianten meines Namens. Bargetze in Liechtenstein, Berggötz bzw. Bergetz in Baden und Württemberg sowie Burgätzi/Burgäzzi in der Schweiz sind derselbe Namen und haben einen gemeinsamen Ursprung in Sevelen. Johann Jakob Burgäzzi muss also zur gleichen Familie gehören wie ich. Die Herkunft des Namens ist übrigens rätoromanisch und leitet sich von Parcaz, der Bündner Form des Eisheiligen Pankratius, ab.

Da ich damals - um 1980 - meine eigene Stammlinie bereits aufgestellt hatte und in den folgenden Jahren durch Studium, Berufseinstieg und Familie überaus beschäftigt war, mussten meine familiengeschichtlichen Interessen lange Zeit ruhen, aber erloschen ist die Leidenschaft nie. Wieder befeuert wurde sie durch eine langjährige Bekanntschaft und Freundschaft mit dem Historiker Dr. Werner Hagmann aus Sevelen, der mir viele wertvolle Hinweise gegeben und mich großzügig mit seinen Photographien und Ablichtungen von Dokumenten versorgt hat. Vor ein paar Jahren haben meine Frau und ich ihn besucht. Dabei haben wir erfahren, dass sein Haus in Sevelen ursprünglich der Familie Burgäzzi gehört hatte. 1917 haben seine Großeltern das Haus gekauft. Johann Jakob Burgäzzi hat also mit seiner Familie dort gewohnt. Ich hatte das große Glück, mit meiner Frau in diesem tollen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert ein paar Tage zu logieren (Bild 2). Eine Beschreibung des Gebäudes findet sich bei Carolin Krumm, Die Kunstdenkmäler des Kantons St. Gallen VI. Die Region Werdenberg (2020): 166-168 mit weiteren Bildern.

Werner Hagmann hat vor der von ihm initiierten Sanierung des Gebäudes in der Histengass 60 alle Abseiten durchsucht – und er ist in großartiger Weise fündig geworden: Er fand einen Schmuckschläger (Bild 3A und B), den er restaurieren ließ. Für studentisches Mensurfechten war er nicht geeignet. Außerdem stieß er auf ein altes Arztköfferchen mit einer Schiefertafel (Bild 4A und B), einen Apothekerschrank (Bild 5) und ein altes Rechnungsbuch (Bild 6). Alle Funde kann man mit Sicherheit Johann Jakob Burgäzzi, dem ersten akademisch ausgebildeten Arzt seiner Heimatgemeinde, zuordnen. Das Arztköfferchen und den Apothekerschrank hat Werner Hagmann inzwischen ebenfalls restaurieren lassen.

Die biographischen Angaben im Verzeichnis der Tübinger Germanen lassen sich folgendermaßen ergänzen: Seine Eltern waren Johannes Burgäzzi (23.12.1771 – 08.08.1848) und die ebenfalls aus Sevelen stammende Anna Schlegel (10.04.1770 – 09.08.1840). Mit seiner ins Mitgliederverzeichnis übernommenen Auskunft, sein Vater sei Landammann und Doktor gewesen, hat Johann Jakob Burgäzzi allerdings gewaltig aufgeschnitten. Sein Vater war einfacher Ortsgemeindebürger und brachte es bis zum Fähnrich. Sein Großvater Hans Jakob Burgäzzi (08.03.1730 – 08.03.1799) bekleidete dagegen mehrere wichtige Ämter, nämlich Säckelmeister und Richter der Gemeinde Sevelen. Außerdem war er Salzauswäger und häufiger Kreditgeber. Unser Burgäzzi hat am 16.06.1825 Anna Sulser (22.10.1807 – 23.05.1838) aus der Nachbargemeinde Wartau geheiratet. Ihnen wurden sechs Kinder geschenkt. Schon 1817 – er war gerade mal zwanzig Jahre alt! - ist seine Tübinger Dissertation unter dem Titel "De vespertilionibus quibusdam gravidis velamentisque foetuum earum" in lateinischer Sprache erschienen. Darin geht es um schwangere Fledermäuse und ihren ungeborenen Nachwuchs. Auf dem Titelblatt steht sein Name in latinisierter Form: „Joannes Jacobus Burgaetzy, Helveto-Sevelensis“. Der Nekrolog im Solothurner Kalender (1860), einer volkstümlichen Zeitschrift, enthielt die Worte "ein pflichtgetreuer und menschenfreundlicher Arzt".

Heute gibt es nur noch sehr wenige Burgäzzi in der Schweiz, und sie würden wohl aussterben, wenn nicht die Nachkommen des nach Chile ausgewanderten Urenkels von Johann Jakob, Ernst Burgäzzi, wieder in die Schweiz zurückgewandert wären. Dank der Vermittlung und dem Organisationsgeschick von Werner Hagmann, dem ich dafür außerordentlich dankbar bin, konnten meine Frau und ich am 21. Oktober 2024 im Haus des Historikers in Sevelen die wenigen Burgäzzi treffen, die es heute noch gibt und die wir bis dahin noch nie gesehen hatten. Es wurde ein sehr netter Nachmittag.

Dr. Oliver Berggötz aus Wandlitz bei Berlin