Geschäftsbriefe von 1759 bis 1801
Briefkonvolut der ehemaligen Firma Sulser Leinenweberei Azmoos ist in einer Berner Brockenstube aufgetaucht.
Bericht von Heini Schwendener publiziert im W&O vom 29. Oktober 2026.
Wartau
Zum Glück gibt es noch Menschen, die zufällige Fundstücke wie etwa alte Briefe nicht einfach entsorgen. Oder die nicht versuchen, sie zu verschachern, in der Hoffnung, dass die alten, schwer entzifferbaren Schriftstücke etwas Geld in die Kasse spülen mögen.
Roger Schmidt aus Kirchberg im Kanton Bern ist pensioniert und passionierter Philatelist. Immer mal wieder bewertet er Briefmarken, die in einer Brockenstube in der Region Bern abgegeben werden.
Diese Briefe gehören in ein geeignetes Archiv
Als ihm Brockenstubenbesitzerin Regula Hofmann im Mai 2026 drei verschnürte Bündel mit 330 gut erhaltenen Briefen zur Beurteilung vorlegte, war sein Interesse sofort geweckt. Bei der Sichtung stellte Roger Schmidt fest, dass das Briefkonvolut Geschäftskorrespondenz aus den Jahren 1759 bis 1801 enthält, adressiert an die Firma Sulser Leinenweberei in Azmoos. Sofort war ihm klar, dass die Briefe nicht zum Verkauf angeboten werden sollten, sondern in einem geeigneten Archiv für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollten. Regula Hofmann begrüsste dies. Zum Glück: Die Briefe wurden weder als Altpapier entsorgt noch für einige Franken verkauft.
Kürzlich reiste Roger Schmidt vom Emmental nach Azmoos und überreichte die Briefsammlung in drei Schachteln an Hanspeter Dürr, den Präsidenten der Ortsgemeinde Wartau. Dürr ist auch Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Werdenberger Geschichte und Landeskunde (WGL). Bei der Briefübergabe in Azmoos waren auch WGL-Präsident Eduard Neuhaus, WGL-Vizepräsidentin Maja Suenderhauf sowie der Historiker und Archivspezialist Werner Hagmann zugegen. Alle zeigten sie sich erfreut über Schmidts historisches Gespür und Hofmanns Selbstlosigkeit. Gross war das Erstaunen seitens der Ortsgemeinde und der WGLVertretung über den hervorragenden Zustand der 330 Briefe. Diese sind dank ihrer grossen Zahl historisch viel aussagekräftiger als lediglich einige wenige Exemplare.
Das Briefkonvolut wird nun im Ortsgemeindearchiv fachgerecht archiviert. Über den W&O-Artikel und über andere Kanäle wird die Existenz der Briefe öffentlich bekannt gemacht – in der Hoffnung, dass dereinst jemand Interesse bekundet, diese wirtschaftsgeschichtlich bedeutende Briefsammlung zu erforschen. Die Sulser-Dynastie prägte mit ihren Handelsunternehmen die Azmooser Wirtschaftsgeschichte im 18. Jahrhundert. Und sie prägte mit ihren herrschaftlichen Bauten auch das Ortsbild
Sulser-Häuser prägen das Ortsbild von Azmoos
Azmoos
Bisher ist die Geschichte der Sulser-Dynastie, die insbesondere im 18. Jahrhundert das politische und wirtschaftliche Leben in Wartau und der Region prägte, noch relativ wenig erforscht. Der Brockenstubenfund mit den 330 Geschäftsbriefen gibt vielleicht einen Anstoss, um dies nachzuholen.
Roger Schmidt, der das Briefkonvolut entdeckt und der Ortsgemeinde Wartau übergeben hat, hält in seinen Recherchen fest, dass die Firma Mathias Sulser und Compagnie sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts in Azmoos etabliert und fortan das wirtschaftliche Leben geprägt hat. Ursprünglich beschäftigte sich das Unternehmen mit dem Handel mit Rohbaumwolle, Garnen, Tüchern und weiteren Waren. Doch schon bald entstanden in Azmoos eine Baumwollspinnerei, eine Weberei, eine Bleicherei und eine Indienne-Druckerei. Im Jahr 1811 musste die Firma Konkurs anmelden. Einem grossen Ortsbrand im Jahr 1819 fielen die Weberei und die Färberei zum Opfer.
Die Familie Sulser hat mit ihren Bauten auch Kulturdenkmäler geschaffen. Der Historiker Werner Hagmann sagt: «Im Werdenberg gibt es kein anderes Dorf, wo eine Familie derart das Ortsbild geprägt hat wie die Sulser in Azmoos.»
Im Band Werdenberg der Buchreihe «Schweizer Kulturdenkmäler – Kanton St.Gallen » sind die herrschaftlichen Sulser’schen Häuser entlang der Poststrasse ein grosses Thema. Dazu gehöret unter anderem das heutige Restaurant Traube, erbaut im Jahr 1711 vom Sarganser Landammann Jakob Sulser. Von 1802 bis 1804 wurde das jüngste der vier Häuser der Familie Sulser von den Brüdern Felix, Jakob und Mathias gebaut, das Rote Haus. Es wurde Jakob Sulsers Wohnhaus und beinhaltete wohl auch Geschäftsräume. 1813 wurde das Rote Haus zwangsversteigert, 1918 gelangte es in Besitz der politischen Gemeinde Wartau und ist seither das Rathaus. In Hansjakob Gabathulers zweitem Band mit Wartauer Geschichten und Bildern, der demnächst erscheint (siehe Hinweis), nehmen Geschichten zur Sulser-Dynastie einige Seiten in Anspruch. Die Kaufmannsfamilie handelte nicht nur mit Baumwolle, sondern brachte auch Kolonialwaren wie Kaffee, Kakao, Zucker, Reis, Tabak, Seife, Salpeter, Salz, Farbstoffe usw. nach Azmoos. Im Jahr 1799 logierte der französische General Masséna im 1711 erbauten Sulserhaus, dem heutigen Restaurant Traube. Hansjakob Gabathuler thematisiert auch den Untergang der Sulser-Dynastie. (she)
HInweis: Hansjakob Gabathulers Lesebuch wird am 24. November um 19 Uhr im Schulhaus Feld vorgestellt.



