«ein so endloser und gewaltiger Jubel»
Symbol der Befreiung von der Untertanenherrschaft: verschollener Seveler Freiheitsbaum wieder entdeckt
Kürzlich wurde in Sevelen ein beachtliches, erstaunlich gut erhaltenes Teilstück des mutmasslichen Seveler Freiheitsbaums von 1798 wieder entdeckt. Dieses eindrückliche Relikt aus der Geburtsstunde der politischen Freiheit in unserer Region war lange Zeit in Vergessenheit geraten und galt als verschollen. Dessen Bedeutung als regionales Zeitzeugnis ist umso höher zu gewichten, als aus anderen Landesgegenden nichts Vergleichbares bekannt ist.
Werner Hagmann, Dr. phil., Historiker, Zürich
Der Begriff «Freiheitsbaum» taucht erstmals als «Liberty Tree» 1765 in Boston im Vorfeld der Amerikanischen Revolution auf. Als Freiheitssymbol etablierte er sich im Frankreich der Revolutionszeit. Diese Bäume waren mit blau-weiss-roten Bändern und Fahnen geschmückt und wurden von einer Freiheitsmütze (Jakobinermütze) gekrönt. Das Volk tanzte bei revolutionären Festen um den Baum. Die Freiheitsbäume erinnern an die in der Volkskultur seit altersher bekannten Maibäume und dürften von diesen inspiriert sein. Fast alle Schmuckelemente wie Zurichtung, Bemalung, Bänder etc. orientieren sich an der Maibaumtradition. Hans Trümpy bezeichnet sie denn auch in seinem 1961 erschienen Aufsatz als «politische Maibäume». Im bäuerlichen Kontext galt der jeweils am traditionellen Zinsabgabetermin am 1. Mai aufgerichtete Maibaum als Symbol der Schuldentilgung und wurde nun mit der Forderung nach Abgabefreiheit verbunden.
Freiheitssymbol als «Import» aus Frankreich
Während der Helvetischen Revolution setzte sich der Freiheitsbaum in auch in der Schweiz durch, zunächst und ohne äusseren Druck vor allem in den bisherigen eidgenössischen Untertanengebieten, dann auf Geheiss der französischen Besatzungsbehörden auch in den bisher tonangebenden eidgenössischen Ständen. Rund 7000 Stück davon sollen angeblich innert zweier Wochen aufgepflanzt worden sein. Sie galten als Symbol der neuen Ordnung und dienten als Ort, wo Proklamationen verlesen wurden und andere politische Manifestationen stattfanden. Dass sie nicht nur als Freiheitssymbol, sondern auch als Symbol der französischen Fremdherrschaft verstanden wurden, zeigen zahlreiche durch Gegner der Helvetik umgehauene Freiheitsbäume.
Spätestens mit dem Ende der Helvetik verschwanden die letzten Freiheitsbäume, erlebten aber in den Revolutionsjahren 1830/31 auch an verschiedenen Orten in der Schweiz eine kurze Renaissance.
Helvetische Revolution erreicht das Werdenberg
Der siegreiche Einfall französischer Truppen in die Schweiz, der in der Kapitulation von Bern am 5. März 1798 gipfelte, besiegelte das Ende der Alten Eidgenossenschaft. Er machte den Weg frei für die Schaffung der Helvetischen Republik, welche das Ancien Régime ablöste und die bisherigen Untertanenverhältnisse landesweit aufhob. Die Befreiung von der jahrhundertealten Knechtschaft wurde vor allem in den bisherigen Untertanengebieten mit ausgelassenen Volksfesten gefeiert. Die bereits im Januar 1898 in Basel ausgebrochene Helvetische Revolution griff rasch auf andere Gebiete über und erreichte Anfang März 1798 das Werdenbergerland. Auslöser der Unruhen war die Verweigerung des «Falles» durch Adam Lippuner von Werdenberg, indem er zusammen mit anderen Untertanen den Glarner Amtsdiener verjagte. Schon am 9. März konnte des Werdenbergervolk unter der Führung seines Freiheitshelden Markus («Marx») Vetsch aus Grabs das Fest der Freiheit feiern.
Chronist des Umbruchs
Nikolaus Senn schildert in seiner 1860/62 erschienenen «Werdenberger Chronik» die damalige Umwälzung eindrücklich. Während die Anhänger der neuen Ordnung sich «Patrioten» nannten, bezeichneten diese die Verteidiger der alten Ordnung als «Aristokraten». In den Herrschaften Werdenberg, Sax und Wartau waren die Patrioten weitaus in der Mehrheit; einzig in Gams dominierten die Aristokraten. In Werdenberg wurde die Minderheit der Verfechter der alten Ordnung mitunter «ächt werdenbergisch geprügelt». Doch auch die Gegenseite war nicht zimperlich. So sollen «der Zorn und die Schläge» der Aristokraten den Patrioten Nikolaus Schwarz aus Buchs gar ins Grab gebracht haben. Die Spaltung der Bevölkerung machte auch vor Schulstuben nicht halt, und folgerichtig kam es auch unter den Schülern zu wüsten Schlägereien.
Die Franzosenfreunde trugen als Kennzeichen eine dreifarbige Kokarde am Hut, mit der Einführung der neuen Verfassung wurde gar jeder Bürger dazu verpflichtet. Nach der fluchtartigen Abreise des Landvogts sei «in den meisten Gemeinden ein so endloser und gewaltiger Jubel [ausgebrochen], dass man sich keinen Begriff davon machen kann.» Der Gedanke, nun frei zu sein, «berauschte, besonders in der Grafschaft Werdenberg, die Leute völlig».
In allen Dörfern und Weilern schiessen sie aus dem Boden
Bereits während der Anwesenheit des letzten Glarner Landvogts Freitag tauchten aufgrund der gärenden Unzufriedenheit die ersten Tännchen im Werdenberg auf. Am bekanntesten ist jenes, welches eines Nachts am Gartenzaun des Landschreiberhauses in Buchs angebracht und mit einer unverhohlenen Drohung in Versform «verziert» wurde:
«Jörli Hagmann,
Wenn du wüsstest,
Was ich weiss,
So würd’ es Dir
Am kühlen Schatten z’heiss.»
Georg Hagmann war als eifriger Gefolgsmann des Landvogts bekannt. Auch anderorts tauchten plötzlich Bäumchen mit teils revolutionären Losungen auf, etwa ein durch Marx Vetsch mit einer revolutionären Parole versehenes Tannenbäumchen vor der Kirche in Grabs. Für Nikolaus Senn sind dies «die ersten Freiheitsbäume» im Werdenberg.
Der letzte Landvogt Johann Heinrich Freitag verstand die Zeichen der Zeit, liess noch das Schloss ausräumen und verliess das bisherige Glarner Untertanengebiet für immer. Der Legende nach habe man ihm im Städtli zugerufen: «Adieu Freitägli, es ist Zeit, dass du gehst, wir wollen auch mal Samstag haben!» (zitiert gemäss Schindler. 1986, S. 326). Am 11. März 1798 endlich gab die Glarner Landsgemeinde den Forderungen der Untertanen nach und entliess das Werdenberg notgedrungen in die Unabhängigkeit.
Im März und April sind in allen Dörfern und Dörfchen der Region Freiheitsbäume aufgerichtet worden. Es waren «hübsche Tannen, die man aus den Wäldern holte» und diese «mit Fahnen, Bändern, Kränzen etc. schmückte und in den Dörfern an einem passenden Orte aufpflanzte». Die Aufrichtung der Bäume war von eigentlichen Volksfesten begleitet: Es sei musiziert worden und «es wurde gegessen, getrunken, getanzt etc.»
Die Freiheitsbäume wurden wenn möglich an zentralen Orten aufgestellt, wo rundherum auch genügend Platz vorhanden war. Dafür kamen in erster Linie Dorfplätze oder Kirchplätze in Frage, aber auch Dorfbrunnen oder Wirtshäuser.
Freiheitsbäume waren oft von imposanter Höhe. Die grössten Freiheitsbäume schweizweit sollen 25 bis 32 Meter erreicht haben. Aus dem Werdenberg überliefert Senn nur eine einzige Angabe und aus dem Städtchen Werdenberg, nämlich «fast 60 Fuss», was rund 18 Metern entspricht. Die Astkrone wurde belassen, so dass der Baum noch als solcher erkennbar war. Geschmückt wurde er mit Schleifen und Bändern sowie Kokarden in den Farben der französischenTrikolore oder der Flagge der Helvetik (grün – rot – gelb) – die Kokarden dienten in der Zeit des Umbruchs als Erkennungszeichen für revolutionäre Gesinnungsgenossen. Der Stamm wurde entastet, vier-, sechs- oder achtkantig zugerichtet und in mehreren Farben bemalt. Gekrönt wurde das Freiheitssymbol von einer Kappe, inspiriert von der Jakobinermütze der Französischen Revolution. Nicht fehlen durfte ein an den Freiheitsbäumen angebrachtes Schild mit revolutionären Parolen. Oft begnügte man sich mit knappen Standardformeln wie «Freiheit, Gleichheit». Gelegentlich, etwa beim Landesfreiheitsbaum, wurde davon abgewichen, indem ganze Verse mit eigenständig-regionaler Prägung aufgemalt wurden.
Beeindruckende Zahl von Freiheitsbäumen
Nikolaus Senn zählt in seiner Chronik alle Freiheitsbäume in der Region auf, gegliedert nach einzelnen Dörfern und Weilern und versehen mit einer kürzeren oder längeren Beschreibung. Gerhard Hochuli hat aufgrund der Angaben von Senn insgesamt sage und schreibe 43 Freiheitsbäume zwischen Wartau und Oberriet ermittelt. In der ehemaligen Landvogtei Werdenberg standen vier in Buchs (Dorf Buchs, Altendorf, Burgerau, Unterräfis), fünf in Sevelen (Dorf Sevelen, St. Ulrich, Hof, Rans, Oberräfis), acht in Grabs (Werdenberg, Stauden, je 3 im Dorf Grabs und am Grabserberg). Von Gretschins, dem einzigen zur Landvogtei Werdenberg gehörenden Wartauer Dorf, ist bei Senn erstaunlicherweise kein Freiheitsbaum dokumentiert.
Der Landesfreiheitsbaum - «die schönste und grösste Tanne im ganzen Walde»
Zu diesen Bäumen und Bäumchen der einzelnen Dorfschaften und Weiler kam noch der sogenannte Landesfreiheitsbaum auf dem Wuhr in Buchs in Sichtweite von Schloss und Städtchen Werdenberg hinzu. Dieser war ein «Gemeinschaftswerk» der drei Gemeinden Grabs, Buchs und Sevelen, welche die beträchtlichen Kosten von «vielen hundert Gulden» trugen. Dieser «ungeheure Baum» wurde in der Schwendi beim Rogghalm am Grabserberg geschlagen. Es sei «beinah die schönste und grösste Tanne im ganzen Walde» gewesen.
Der Transport des stattlichen Baumes vom Grabserberg via Grabs zum Wuhr beim Werdenbergersee dürfte einer Prozession geglichen haben: Nicht weniger als rund 150 Männer, darunter «Tambouren, Pfeifer, Geiger und Deckelschläger und viele Schützen» holten die Tanne am Grabserberg. Im Dorf Grabs angelangt, wurde der Baum «einigermassen bearbeitet». «Mehrere hundert Patrioten» hätten sich versammelt, und «mehr als hundert festlich gekleidete Jungfrauen traten als Vorgängerinnen auf». Senn nennt sogar vier Teilnehmerinnen namentlich, ebenso mehrere beteiligte Männer, was die Authentizität seines Berichts unterstreicht – dieses prägende Ereignis war zu seiner Zeit noch nahe genug, um in der mündlichen Überlieferung weiterhin lebendig zu sein. Auffallend ist der gemäss Hochuli offenbar ungewöhnlich starke Einbezug von Frauen. Der festliche Umzug gelangte mit der Tanne «über Stauden, Lims und den Nesslenbühl ins Städtchen und von da auf’s Wuhr zum Kaufhaus (Gasthaus zum Hörnli)».
Beim Kaufhaus wurde der «mit drei Farben bemalte» Baum «sehr köstlich aufgerüstet». Die daran angebrachte Tafel trug die Inschrift:
«Freiheit, Gleichheit, Schweizersöhne,
War euer erster Bundesschwur,
So dass sich eure Asche freue,
Zeigt dieser Baum hier auf dem Wuhr;
Jauchzet Heil dem Vaterland
Mit der Französischen Nation!’»
Unterzeichnet war diese Aufschrift «zum Spott» mit «Andreas Fluri», dem Namen eines eifrigen Aristokraten. Der tatsächliche Verfasser aber soll niemand anders als der Arzt Marx Vetsch (1759-1813) aus Grabs, Anführer der Werdenberger Freiheitsbewegung, gewesen sein.
Weiter oben wurde eine grosse dreifarbige Fahne an Stamm angebracht und «der Ästebusch war behangen mit vielen hundert dreifarbigen Bändern, mit Sträussen, Gold und Silberschaum etc. etc.». Den Abschluss zuoberst bildete die obligate Freiheitsmütze (dreifarbig) und ein «gewaltig grosser […]Tschappel [Kranz]».
Senn schildert auch, wie das Aufrichten des reich dekorierten Landesfreiheitsbaums vonstatten ging: «Nachdem der Baum gehörig geschmückt war, stiegen mehr als 60 Mann auf die Dächer und Kammern der benachbarten Häuser und zogen ihn auf; als er stand, begann ein ungeheurer Jubel». Aus den drei beteiligten Gemeinden seien «so zu sagen alle Leute auf dem Platze» gewesen. Der Aufmarsch mündete in ein rauschendes Fest – «der Wein wurde in Eimern und Gelten auf den Platz gebracht».
Die fast generalstabsmässig aufgezogene Inszenierung der neu errungenen Freiheit scheint nicht allein einer spontanen Bekundung des Werdenberger Volkes entsprungen zu sein. Hinter den ganzen Festivitäten muss gemäss Hochuli «zweifellos eine Organisation» gestanden sein, vielleicht eine Art revolutionärer (oder hierzulande eher «patriotischer») Clubs nach französischem Vorbild. Senn verliert in seiner Chronik allerdings kein Wort darüber.
«Aber owee, was kam hernach …»
Zumindest in einzelnen Dörfern (etwa in Buchs) reagierten ältere Leute auf diese ausgelassene Festfreude oft zurückhaltend, teils mit «Kummer und Angst» – sie fürchteten, «es werde noch grosses Unglück über uns kommen».
Dass der Tanz um den Freiheitsbaum auch seine Schattenseiten hatte, rückt der Seveler Landwirt Christian Hagmann vom Bongert (1784-1869 – ein direkter Vorfahre des Autors) in seiner handschriftlichen Chronik in den Fokus und äussert sich im Rückblick kritisch zum Geschehen:
«Anno 1799 sindt die Franzosen in die Schweiz hieher gekommen. Da hat mann müssen Freiheits Bäüme auffrichten in einem jeden Dorff. Da hat es geheisen Freiheit, Gleicheit, Bruder Liebe. Aber owee, was kam hernach: Uneinigkeit, Bruder-Betriege [?]. Und viele wurden reich, viele arm, das Gott erbarm.»
Mit dem Verb «müssen» signalisiert Christian Hagmann, dass die Freiheitsbaum-Euphorie keineswegs immer spontan eingetreten sein dürfte, sondern wenn nötig durch die französischen Besatzer nachgeholfen wurde. Seine Aufzeichnung dürfte um 1812 entstanden sein. Er berichtet – im Unterschied zu Nikolaus Senn – noch als unmittelbarer Augenzeuge des seinerzeitigen Geschehens – als 14jähriger Jugendlicher hatte er die Helvetische Revolution und das Aufrichten der Freiheitsbäume hautnah miterlebt.
Nikolaus Senn muss Christian Hagmann noch persönlich gekannt haben, gibt er doch in seiner «Werdenberger Chronik» an mehreren Stellen die handschriftliche Chronik von Hagmann, in die er offenbar Einsicht erhalten hatte, als Quelle an. Dies also ein konkreter Beleg dafür, dass Senn seine Informationen zur Revolutionszeit zumindest teilweise noch aus erster Hand schöpfen konnte, was die Glaubwürdigkeit und Authentizität seiner Darstellung stützt. Auch Hochuli unterstreicht, dass Senn «mit Sicherheit» auch mündliche Quellen nutzte. Nikolaus Senn schöpfte also aus der «Oral history» – und dies lange bevor die Geschichtswissenschaft diese Methode im 20. Jahrhundert «entdeckte».
Seveler richten Freiheitsbaum beim Dorfbrunnen auf
Auch zum Freiheitsbaum im Dorf Sevelen, der uns hier primär interessiert, weiss Nikolaus Senn Näheres: «Als die Sevler eine Tanne in’s Thal herunterschafften, ritt Hauptmann Joh. Georg Geiger [Giger] auf einem Rösschen, das er von Uli Saxer entlehnt hatte, und dessen Schweif mit einem Kranze und Bändern geziert war, immer einige Schritte voraus und kommandierte. Der Baum wurde zierlich ausgerüstet und beim Dorfbrunnen, beim rothen Haus, aufgerichtet.» Er stand also mitten im Dorfzentrum. Senn beschreibt den Standort allerdings aus der Perspektive seiner Zeit um 1860: Das Rote Haus und spätere Rathaus wurde 1805 von Bartholomäus Litscher erbaut, also erst sieben Jahre nach der Aufrichtung des Freiheitsbaumes.
Auch zur Gestaltung des Baumes äussert sich Senn: «Der Stamm war achtkantig; die Tafel war gross wie ein Tisch; weiter oben war eine grosse, hübsche Fahne; der Aestebusch trug hübsche Bänder, Kränze und eine Freiheitskappe. Der bemalte Stamm ist jetzt noch zu sehn.»
Leider macht Senn keine Angaben zum Text auf der offenbar erstaunlich grossen Tafel. Spannend ist sein Hinweis, der bemalte Stamm sei «jetzt [also um 1860 herum] noch zu sehen». Damit ist belegt, dass das Freiheitssymbol die unmittelbare Revolutionszeit um mindestens sechs Jahrzehnte überlebt haben muss. Wo das Relikt damals aufbewahrt wurde, verrät Senn uns leider nicht.
Pfarrer Huldreich Gustav Sulzberger berichtet in seiner Geschichte der Kirchgemeinde Sevelen (der sogenannten «Sulzberger Chronik») ebenfalls über die Umbruchszeit von 1798 und den Seveler Freiheitsbaum, geht dabei aber nicht über Senns Schilderung hinaus.
Die Art der Anfertigung der Bäume folgte offenbar keinem streng einheitlichen, ortsübergreifenden Muster: In Buchs, in Unterräfis und in Oberräfis etwa wurde der Stamm im Unterschied zu Sevelen nur vierkantig zugerichtet. Hingegen scheint die Spitze aller Freiheitsbäume stets mit einer grossen roten oder dreifarbigen Freiheitskappe und einem «gewaltigen Tschappel, Kranz» gekrönt gewesen zu sein, «nebst dreifarbigen Bändern, Sträussen etc.»
Der Seveler Freiheitsbaum führte nach dem Ende der Helvetik noch zu einem rechtlichen Nachspiel: Bartholomäus Litscher (vermutlich vom nachmaligen Roten Haus) soll damals von Hauptmann Geiger [Johann Georg Giger] sel. angewiesen worden sein, einige am Aufrichten des Baumes beteiligte Männer zu verköstigen, jedoch nie dafür entschädigt worden sein. Deshalb klagte er gegen Hans Ulrich Litscher, den Schwiegersohn Gigers. Seine Klage wurde jedoch gemäss dem im Staatsarchiv St. Gallen online zugänglichen Urteil vom 4. Mai 1804 vom Friedensgericht in Sevelen abgewiesen.
Verblassende Jugenderinnerung
Aus meiner Kindheit und Jugendzeit in den späten 1960ern und frühen 1970ern mochte ich mich vage erinnern, dass es hiess, in einem alten Stall mit der Assekuranznummer 642 an der Histengass, in unmittelbarer Nachbarschaft zu meinem Elternhaus, lagere ein uralter Freiheitsbaum «aus der Franzosenzeit». «Der bemalte Stamm war bis in 20. Jahrhundert hinein in einer Scheune der Familie Litscher in der Histengasse zu sehen.» Dies weiss auch Ulrich Friedrich Hagmann im 1984 erschienenen Band 2 seiner Seveler Geschichte zu berichten (S. 236). Der Stall gehörte zu jener Zeit dem früheren Landwirt Adolf Litscher (1903-1976). Dessen Eltern Martin und Ursula Litscher-Litscher entstammten zwei einst führenden Seveler Familien, nämlich den Linien «Hopma Martis» (Histengass 77) und «Richterhaus» (Histengass 58). Zu Gesicht bekommen habe ich das geschichtsträchtige Relikt damals leider nie.
Einige Zeit später, wohl gegen Ende der 1970er Jahre, nachdem der frühere Besitzer die Liegenschaft mit dem Stall und dem nahen Wohnhaus an die Familie Widmer verkauft hatte, ging der Freiheitsbaum in die Obhut der Gemeinde über. Wiederum blieb mir in vager Erinnerung, es habe damals geheissen, der Freiheitsbaum sei jetzt in der gemeindeeigenen Liegenschaft Zinslihof untergebracht. Weil ich einerseits keine dafür in Frage kommende Ansprechperson näher kannte, anderseits mein Interesse trotz einer schon damals ausgeprägten Vorliebe für Geschichtliches wohl doch noch zu wenig ausgeprägt war und ich vielleicht die Bedeutung des Objekts nicht wirklich einzuschätzen wusste, bekam ich dieses auch damals nicht zu Gesicht. Die konkrete Vorstellung davon, wie so ein Freiheitsbaum denn aussieht, blieb dementsprechend weitgehend der eigenen Phantasie überlassen.
Anfrage als Anstoss für Nachforschungen
So gingen viele Jahre, ja Jahrzehnte ins Land, in denen ich mich immer wieder mit verschiedensten lokalgeschichtlichen Themen befasste – nur der Freiheitsbaum kreuzte nie meinen Weg, sondern blieb eine zunehmend verblassende Erinnerung aus frühen Jugendtagen. Bis dass ich im Frühjahr 2025 eine Anfrage von Fabian Hümer, dem Sammlungsverantwortlichen der Museen Werdenberg, zu eben diesem Seveler Freiheitsbaum erhalten habe.
Die Anfrage hatte zur Folge, dass ich der – mit vielen vagen Erinnerungen und Vermutungen behafteten – Geschichte des Seveler Freiheitsbaums endlich doch noch auf den Grund gehen wollte. Allerdings machte ich mir keine grossen Hoffnungen, nach Jahrzehnten noch viel herauszufinden.
Berti Widmer, die seinerzeitige Besitzerin des Stalles, in dem sich der Freiheitsbaum gemäss meiner Erinnerung befunden hat, konnte auf meine Nachfrage hin immerhin dessen Existenz bestätigen. Dieser sei auf einer Balkenlage unter dem Dach gelagert worden, sei also nicht im Stall eingebaut gewesen. In den späten 1970er Jahren sei der Freiheitsbaum «von der Gemeinde abgeholt» worden. Nach dem jetzigen Verbleib gefragt, meinte sie gehört zu haben, er sei in den Rathauskeller gebracht worden. Diese Vermutung konnte eine Erkundigung bei der Gemeinde indes nicht bestätigen.
Zeitzeuge lenkt auf die richtige Spur
Als ergiebiger erwies sich hingegen ein zweiter Hinweis der früheren Stallbesitzerin, nämlich dass Bernhard Buchmann, ein geschichtsinteressierter Seveler und ehemaliges Vorstandsmitglied der Historisch-heimatkundlichen Vereinigung Werdenberg, seinerzeit bei der Sicherung des Freiheitsbaums beteiligt gewesen sei. Der inzwischen hochbetagte Buchmann konnte mir dies nicht nur bestätigen, sondern wusste auch noch, wo der Baum durch die Gemeinde deponiert worden war, nämlich im Zinslihof. Also hatte mich meine Erinnerung doch nicht getäuscht.
Buchmann ermunterte mich, erneut bei der Gemeinde nachzufragen. Angesichts der vielen inzwischen verstrichenen Jahrzehnte machte ich mir allerdings kaum Hoffnung, den Freiheitsbaum dort noch vorzufinden. Vielmehr befürchtete ich, dass er schon längst – in Unkenntnis von dessen Bedeutung – einer «Aufräumaktion» zum Opfer gefallen sein dürfte.
Umso freudiger überrascht war ich, als ich wenige Tage später von der Gemeinde den Bericht erhielt, man habe den Baum tatsächlich dort aufgefunden.
Grosses Staunen beim Augenschein
Als nächstes galt es, einen Augenschein vor Ort zu organisieren. Dieser fand am 27. Juni 2025 im Beisein des seinerzeit Beteiligen Bernhard Buchmann und seiner Tochter, des Seveler Gemeindepräsidenten Edi Neuhaus, von Alex Schwendener (Leiter Infrastruktur und Liegenschaften), Fabian Hümer und dem Schreibenden statt. Zugang zum Dachraum in einem Nebengebäude des Zinslihofs gewährte uns Christian Hagmann, Leiter Werkhof. Dass das Bewusstsein für den historischen Wert des Objekts glücklicherweise über die Jahrzehnte hinweg nicht vollständig verblasst war, bestätigte Hagmanns Bemerkung, ihm sei eingeschärft worden, dass dieser aussergewöhnliche «Balken» nie entsorgt werden dürfe.
Das etwa 6.4 Meter lange Teilstück des einstigen Freiheitsbaums ist dort – wohl ähnlich wie seinerzeit im Stall an der Histengass – auf einer Balkenlage unter dem Dachgiebel neben allerlei anderen Holz- und Metallteilen verstaut. Da der Freiheitsbaum dort nur schwer zugänglich ist und sich ohne erheblichen Aufwand kaum mit der dafür notwendigen Sorgfalt herunterholen lässt, konnte er nur von unten begutachtet werden. Trotzdem war die Bemalung gut zu erkennen, und soweit feststellbar ist er – wie von Senn beschrieben – achtkantig zugerichtet. Einkerbungen deuten auf eine spätere Zweitnutzung hin. Dass ein «Recycling» von Freiheitsbäumen keineswegs aussergewöhnlich war, belegt bereits der Chronist Nikolaus Senn am Beispiel von Oberräfis: «Aus dem Stamm dieses Freiheitsbaumes machte man später Dachbalken; diese kann man jetzt noch sehen.»
Weitere Fragmente im «Hopma Martis Huus»
Dank einem Recycling als Deckenbalken hat ein weiteres kleineres Fragment im Stallbereich der Liegenschaft Histengass 77, dem sogenannten «Hopma Martis Huus», überlebt. Es handelt sich dabei um einen insgesamt etwa 2.3 Meter langen Balken mit einem Durchmesser von ca. 17-19 cm. Erhalten sind nur noch sechs der ursprünglich wohl acht Kanten, da das Holzstück auf der Rückseite abgetragen wurde, um eine ebene Auflagefläche für die darauf liegenden Bodenbretter zu erhalten. Schwache bläuliche und rötliche Farbspuren sind partiell erhalten geblieben. An beiden Enden ist der einstige Deckenbalken behauen für eine seitliche Fixierung. Bei der grundlegenden Sanierung der Liegenschaft im Jahr 2015 wurde der Balken im Stall ausgebaut und wird seither vom heutigen Eigentümer Markus Frick im Wohnhaus aufbewahrt.
Dass es sich dabei um einen Teil des gleichen Freiheitsbaumes wie im Zinslihof handelt, kann vermutet werden. Mehr Gewissheit würden allerdings erst zusätzliche Abklärungen bringen. Für einen Zusammenhang der beiden überlieferten Teilstücke spricht auch der Umstand, dass die früheren Besitzer beider Teilstücke der Familie Litscher angehörten, welche durch Heirat im späten 19. Jahrhundert enge familiäre Verflechtungen eingingen. Dass ein Teil des Freiheitsbaumes, als Bestandteil der «Mitgift» gewissermassen, vom Stall des einen Familienzweigs in den Stall des andern «gewandert» ist, erscheint mindestens denkbar.
Ein weiteres, im Stall als Türpfosten umgenutztes Fragment, wurde 2015 ebenfalls ausgebaut, befindet sich jedoch nicht mehr beim Eigentümer der Liegenschaft. Leider liess sich nicht mehr rekonstruieren, wohin dieses dritte Fragment, das Hochuli in seinem Beitrag im Werdenberger Jahrbuch 1998 noch dokumentiert hat, gelangt ist. Anfragen bei der kantonalen Denkmalpflege und beim St. Galler Kulturmuseum führten zu keinen neuen Erkenntnissen.
Die Gretchenfrage: Original oder Replikat?
Auch wenn man in der ersten Begeisterung über das wiederentdeckte Teilstück des Freiheitsbaums gar nicht daran denkt, kommt man nicht um die Frage herum, ob dieses tatsächlich aus dem Jahr 1798, dem für die Entwicklung der Schweiz zum modernen demokratischen Rechtsstaat so entscheidenden Revolutionsjahr, stammt. Zwar schreibt Nikolaus Senn 1862, «der bemalte Stamm [des Seveler Freiheitsbaums] sei jetzt noch zu sehen». Er hat also nachweislich seine Entstehungszeit um mehr als 60 Jahre, ja vielleicht sogar bis in die Gegenwart überdauert. Doch handelt es sich beim Fundstück wirklich um das Original oder um vielleicht doch nur um eine spätere Nachbildung? Gibt es Indizien, dass derartige Replikate angefertigt wurden?
Die epochale Umwälzung von 1798, die für das Werdenbergerland wie auch für alle andern einstigen Untertanengebiete der Eidgenossen so grundlegende Veränderungen mit sich gebracht hatte, blieb noch über Generationen hinweg im kollektiven Gedächtnis haften.
Knapp 80 Jahre nach dem Ende des Untertanendaseins in der Glarner Landvogtei verfasste David Hilty-Kunz, Lehrer und Angehöriger einer führenden Werdenberger Familie aus dem geschichtsträchtigen Torhaus im Städtli Werdenberg, ein «Vaterländisches Drama» unter dem Titel «Hans und Beti oder Der Werdenberger Freiheitsmorgen 1798». Aufgeführt wurde dieses Drama 1876 in Azmoos von der dortigen Theatergesellschaft. Im Jahr drauf erschien die Druckausgabe des Stücks. Es erstaunt nicht, dass der Freiheitsbaum darin nicht fehlt. In der Schlussszene findet sich folgender Beschrieb: Der Vorhang öffnet sich nochmals und «in bengalischem Licht erscheint allegorisch: Vornen in der Stadtgasse der Freiheitsbaum, schlangenförmig gewunden in Roth und Weiss.» Dieser «allegorische» Auftritt könnte darauf hindeuten, dass der Freiheitsbaum personifiziert, also von einem Darsteller «gespielt», und nicht ein richtiger Baum auf der Bühne aufgebaut wurde. Da die Aufführung sehr wahrscheinlich in einem Innenraum stattfand, hätte ein Freiheitsbaum in voller Länge ohnehin kaum Platz gefunden.
Centenarfeier – Wiederauferstehung nach 100 Jahren
Ein zweites Mal wurde der «Befreiung Werdenbergs von der Herrschaft des eidgen. Standes Glarus» im Sommer 1898 anlässlich einer «Centenarfeier» gedacht. Im Graben in Buchs, ganz in der Nähe von Städtchen und Schloss Werdenberg wurde aus diesem Anlass ein vom Buchser Lehrer Christian Beusch (1851-1925) verfasstes, «nach geschichtlichen Quellen bearbeitetes» Festspiel aufgeführt, welches im selben Jahr von der Buchdruckerei J. Kuhn in Buchs als Druckschrift herausgegeben wurde. Beusch liess sich dabei wahrscheinlich von David Hilty-Kunz inspirieren – die auftretenden Personen sind zum Teil identisch.
Doch kam beim Festspiel von Beusch, an welchem «500 Personen in historischen Kostümen» aus allen Gemeinden der einstigen Landvogtei Werdenberg mitgewirkt haben, ein richtiger Freiheitsbaum zum Einsatz? Der Beschrieb der Szenerie am Beginn des 3. Aktes im 3. Aufzug spricht dafür: «Am Stadtplatz ein Freiheitsbaum, in der Mitte eine Bühne vor demselben.» (Beusch. 1898, S. 48). Und auch im weiteren Verlauf spielt der Freiheitsbaum eine zentrale Rolle (S. 52): «Unter dem lauten Jubel der Menge wird von zwei Burschen eine von Markus Vetsch verfasste Inschrift herbeigetragen und am Stamm des Freiheitsbaumes befestigt.» Anschliessend preist Dr. Joh. Hilty den «prächt’gen Freiheitsbaum» als «Sinnbild uns’rer Freiheit».
Natürlich ist nicht ausgeschlossen, dass es sich dabei nur um einen auf dem Bühnenbild aufgemalten oder zum Beispiel aus Karton gefertigten «Baum» gehandelt hat. Die Centenarfeier ging jedoch als Freilichttheater über die Bühne – der Ausstattung waren also nicht durch die Höhe eines Wirtshaussaales Grenzen gesetzt. Es scheint naheliegend, dass ein «richtiger» Freiheitsbaum zum Einsatz gekommen ist. Die Organisatoren dürften den Aufwand für die Anfertigung eines Replikats nicht gescheut haben, um eine möglichst authentische Stimmung zu erzeugen für die gross aufgezogene Erinnerungsfeier, welche der für die Identität des Werdenberger Volks so bedeutsamen Erlangung der Freiheit vor 100 Jahren gedachte.
Hat Litscher den Festspiel-Freiheitsbaum behändigt?
Einer unter den 500 Personen, die an der Centenarfeier mitwirkten, war der Seveler Kunstmaler und Alpinist Gottfried Bernhard Litscher (1853-1899). Zu dieser Ehre kam er wahrscheinlich als Mitglied und Präsident des Seveler Männerchors. Allerdings scheint sich seine Begeisterung über dieses Engagement in Grenzen gehalten zu haben, hielt es ihn doch von seinen alpinistischen Aktivitäten ab, denen er als Mitglied des Schweizer Alpen-Clubs SAC leidenschaftlich frönte: So sei er «ganz verstimmt, dass die diesjährige Aufführung der Werdenberger Centenarfeier, bei der ich zum Mitspielen verdammt war, gerade auf den 7. und 14. August fiel, an welchen Tagen die beiden interessantesten [SAC-]Sektionstouren […] ausgeführt wurden».
Der nun wieder aufgefundene Freiheitsbaum lagerte zuvor über Jahrzehnte hinweg in einem Stall nahe seinem Wohnhaus an der Histengass 58, der damals im Besitz seiner Familie war. Es ist zwar völlig spekulativ, aber doch nicht ganz ausgeschlossen, dass Litscher sich den – nach den beiden Aufführungen nicht mehr benötigten – Baum als «Andenken» gesichert haben könnte. Verlässlichen Aufschluss über das wahre Alter des wiederentdeckten Freiheitsbaums kann letztlich einzig eine dendrochronologische Analyse liefern. Erst dann lässt sich die Frage beantworten, ob der Baum tatsächlich 1798 oder aber erst in späterer Zeit gefällt worden ist.
Eine Rarität von landesweiter Bedeutung?
Im Werdenberger Jahrbuch 1998 meinte Gerhard Hochuli mit Blick auf die an der Histengass 77 erhalten gebliebenen kleineren Fragmente des mutmasslichen Seveler Freiheitsbaums: «Wo sonst im Werdenberg haben Freiheitsbäume die 200 Jahre überdauert?» Aufgrund von inzwischen eingeholten Erkundigungen bei verschiedenen Fachleuten in Bund und Kantonen müsste man heute viel eher die Frage sich stellen: Wo sonst in der Schweiz haben Freiheitsbäume mehr als 200 Jahre überdauert?
Erika Hebeisen, Kuratorin am Schweizerischen Landesmuseum in Zürich etwa hält fest, «das Schweizerische Nationalmuseum hat keinen Freiheitsbaum in seiner Sammlung und uns ist auch nicht bekannt, ob ein solcher in irgendeiner Gemeinde den Weg in die Gegenwart geschafft hat». Im Rahmen des Helvetik-Jubiläums 1998 wurde für das Projekt «Revolution im Aargau» nach einem Freiheitsbaum gesucht, wenn auch offensichtlich erfolglos. Dies jedenfalls zeigt die Stellungnahme von Jeanette Rauschert, Staatsarchivarin von Basel-Landschaft, die damals zusammen mit Dominik Sauerländer am Projekt beteiligt war: «Herrn Sauerländer und mir ist kein erhaltenes Exemplar eines Freiheitsbaumes bekannt.» Einzig von einem Freiheitshut aus Blech im Historischen Museum Basel und einer Belchtafel im Schweizerischen Landesmuseum, «die wohl einst einen Freiheitsbaum schmückten», habe sie Kenntnis. Und auch Andreas Fankhauser, ehemaliger Staatsarchivar von Solothurn und ausgewiesener Kenner der Helvetik, kommt zum Schluss, dass zwar Hinweise vorlägen «auf einige noch existierende, 1798 gepflanzte, Freiheitsbäume in der Schweiz, aber auf keine Holz-Stangen», welche von Freiheitsbäumen stammten.
Diese Einschätzungen von Fachleuten deuten darauf hin, dass es sich beim Seveler Freiheitsbaum bzw. den davon erhaltenen Teilstücken auch landesweit gesehen um eine grosse Rarität handeln dürfte. Natürlich stets vorausgesetzt, dass der Baum tatsächlich «echt» ist, also aus dem Jahr der Helvetischen Revolution 1798 stammt.
Ein «Wiedergänger» – auch im 20. Jahrhundert
Eine temporäre Wiedergeburt erlebte der Freiheitsbaum erneut anlässlich der ersten Werdenbergischen Gewerbe-, Industrie- und Landwirtschafts-Ausstellung vom 30. September bis 15. Oktober 1922 in Buchs. Auf dem Dorfplatz aufgepflanzt, widerfuhr dem einstigen Symbol der neu errungenen politischen Freiheit jedoch eine grundlegende Neuinterpretation, indem es in den Dienst der Werdenberger Wirtschaft gestellt wurde, deren Hauptbereiche durch verschiedene, am Baum angebrachte Figuren dargestellt wurden.
1941 griff die Lokalzeitung «Werdenberger & Obertoggenburger» das Thema in ihrer Wochenbeilage «Der Alvier» auf, und zwar in einem Beitrag von Jakob Mühlestein mit dem Titel «Die Werdenberger Freiheitsbäume». Darin stützt sich der Autor – wie nicht anders zu erwarten – im wesentlichen auf die Chronik von Nikolaus Senn. Darüber hinaus ordnet er aber die historische Bedeutung diese Freiheitssymbols ein. Die Umwälzungen von 1798 seien letztlich die Grundlage für die für den dornenvollen Weg von der «fremden Oberherrschaft» zur heutigen Staatsform der Schweiz mit Ihren «freiheitlichen Errungenschaften […], die man heute für selbstverständlich findet». 1941 stand mit Blick auf 1798 zwar kein runder Jahrestag an - die Eidgenossenschaft feierte aber ihr 650 Jahr-Jubiläum. Und es herrschte Krieg. Die von allen Seiten vom auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung befindlichen Dritten Reich und dessen Verbündeten eingeschlossene Schweiz erlebte eine andauernde existentielle Bedrohung. Auch wenn dieser Bezug nicht explizit hergestellt wird, kann das Aufgreifen der Thematik durchaus im Kontext der Geistigen Landesverteidigung im Zweiten Weltkrieg gelesen werden. Bemerkenswert ist Mühlesteins Feststellung, dass zwar seither «nahezu 150 Jahre verflossen» seien, «doch hört man noch hie und da von diesen Freiheitsbäumen erzählen».
Eingang fand der Freiheitsbaum auch in die Lehrmittel, etwa ins «St. Galler Heimatbuch», das Lesebuch für das fünfte Schuljahr im Kanton St. Gallen (S. 230): «Die Schweizer Untertanen witterten Freiheitsluft. Sie jagten ihre Vögte nach Hause, pflanzten in Dorf und Stadt Freiheitsbäume auf und tanzten im Freiheitstaumel wie besessen darum.» Ein Holzschnitt von Albert Saner illustriert das Geschilderte.
Sevelen stiftet Freiheitsbaum zum 200 Jahr-Jubiläum
Erneut zu Ehren, diesmal hingegen wieder angelehnt an das Original, kam der Freiheitsbaum 1998 zum 200jährigen Jubiläum der Befreiung Werdenbergs von der Glarner Herrschaft. Rechtzeitig zur Eröffnung des neu geschaffenen Regionalmuseums Schlangenhaus Werdenberg am 13. Juni 1998 wurde eine Nachbildung vor dem Schlangenhaus, zwischen Städtli und Werdenbergersee, aufgerichtet.
Das spannende daran ist, dass sich die damalige Neuanfertigung am kürzlich wiederentdeckten Teilstück des Seveler Freiheitsbaumes orientierte und denn auch folgerichtig von der Politischen Gemeinde und der Ortsgemeinde Sevelen gestiftet wurde. Der damalige Seveler Gemeindepräsident Hans Leuener und Gemeinderätin Marianne Schwendener legten höchstpersönlich Hand an bei Schmücken und Aufrichten des Baumes, und Gemeinderat Jürg Keller war für die Bemalung in den Farben des Seveler Originalstücks verantwortlich. Am Stamm war eine Tafel angebracht, und zwar mit der gleichen, Markus Vetsch zugeschriebenen Losung wie beim seinerzeitigen Landesfreiheitsbaum auf dem Wuhr in Werdenberg.
Das mit bunten Bändern in den Farben der französischen Trikolore geschmückte, zehn Meter hohe Wahrzeichen sollte gemäss damaligem Pressebericht mindestens bis zum Jahre 2002 stehen bleiben. Diese Zielsetzung wurde insofern weit übertroffen, als der zwischenzeitlich aufgefrischte Freiheitsbaum bis heute sowohl Anwohner wie Besucher erfreut.
Das Seveler Originalstück, Vorbild der Nachbildung von 1998, wurde schon damals von Hansruedi Rohrer, dem Autor des Presseberichts, als «einzigartig in der ganzen Region» bezeichnet. Inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten und bis vor kurzem als verschollen geltend, war dieses einzigartige Zeitzeugnis aus einer der entscheidendsten Epochen der Geschichte unserer Region vor knapp 30 Jahren also durchaus noch auf dem Radar der damals zuständigen Behördenvertreter.
1998 auch als Thema in der Schule
Der Freiheitsbaum beim Städtli blieb 1998 nicht die einzige Reminiszenz an die Befreiung Werdenbergs vor 200 Jahren. Auch die Grabser, oder besser besagt, die Studner richteten einen Freiheitsbaum auf, und zwar in der Nähe der damaligen Landi beim Studner Brunnen. Gemäss dem Pressebericht von Hansruedi Rohrer wurde er anlässlich eines Dorffestes «in den französischen Nationalfarben bemalt» mithilfe eines Krans aufgestellt, und zwar im Gedenken an die Befreiung Werdenbergs «von den Glarner Despoten». Er sei stolze 17 Meter hoch gewesen und von der Spitze hätten farbige Bändel und ein grosser Hut gegrüsst. Auch eine Tafel mit einer aktualisierten politischen Parole wurde angebracht. Zuvor aber war der Freiheitsbaum in einem Umzug per Pferdefuhrwerk durch Grabs gekarrt worden. Das Fällen, Herrichten und Schmücken des Baumes war das Werk von Schülern unter Anleitung von Forstarbeitern und Lehrkräften, wobei letztere am Festtag «historisch» kostümiert auftraten.
Ein weiteres Erinnerungsprojekt an das denkwürdige Jahr 1798 realisierte eine Primarklasse im Schulhaus Flös in Buchs. Die Schülerinnen und Schüler erhielten den Auftrag, das Thema «Freiheitsbäume im Werdenberg» zeichnerisch umzusetzen, nachdem sie sich mit der Thematik u.a. aufgrund von Auszügen aus der Chronik von Nikolaus Senn vertraut gemacht hatten. Die daraus resultierenden, originellen Tuschzeichnungen wurden im Werdenberger Jahrbuch 1998 als Illustrationen, verteilt auf verschiedene Beiträge, abgedruckt.
Quellen
Beusch, Christian: Festspiel auf die Centenarfeier der Befreiung Werdenbergs von der Herrschaft des eidgen. Standes Glarus (1798) im Sommer 1898 im Graben in Buchs, Buchs: Buchdruckerei J. Kuhn, 1898, 57 S.
Friedensgerichtsurteil zwischen Bartholomäus Litscher und Hans Ulrich Litscher wegen Geldforderungen vom 4. Mai 1804 (Staatsarchiv St. Gallen: PA Hilty S 003/126).
Hagmann, Christian, Sevelen, Chronik, umfasst hauptsächlich die Jahre 1812-1849, 4 Hefte (Staatsarchiv Graubünden, Chur: B 586 (SG)).
Hilty-Kunz, David: Hans und Beti oder Der Werdenberger Freiheitsmorgen 1798. Vaterländisches Drama in fünf Akten, Buchs-Werdenberg: Buchdruckerei J. J. Kuhn, 1877, 115 S.
Senn, Nikolaus: Werdenberger Chronik. Ein Beitrag zur Geschichte der Kantone St. Gallen und Glarus, Chur: Leonh. Hitz / Senti & Hummel, 1860 / 1862, 454 + 10 S.
St. Galler Heimatbuch. Lesebuch für das fünfte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen. Nach Vorlage der Lehrmittelkommission hg. vom Erziehungsrat, St. Gallen: Verlag der Leobuchhandlung, 1947, 256 S.
Sulzberger, Huldreich Gustav: Geschichte der Kirchgemeinde Sevelen, Sevelen, ca. 1878-1886 (Manuskript). Maschinenschriftliche Abschrift Daniel Brütsch, ca. 1940er / 1950er Jahre (Archiv der Evangelischen Kirchgemeinde Sevelen: B 10.52).
Literatur:
Hinweis: Die Beiträge von Ebert, Gabathuler, Hagmann, Hochuli und Trümpy sind auf www.e-periodica.ch abrufbar.
Ebert, Wilfried: Der frohe Tanz der Gleichheit. Der Freiheitsbaum in der Schweiz 1798-1802, Zürich: Chronos, 1996, 288 S. (Buchbesprechung von Rolf Graber in: Traverse: Zeitschrift für Geschichte, Zürich, 6 / 1999, S. 175-178).
Fankhauser, Andreas: Freiheitsbaum, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 3.3.2005. Online: hls-dhs-dss.ch/de/articles/017445/2005-03-03/, konsultiert am 22.6.2025.
Freiheitsbaum. Wikipedia-Beitrag, de.wikipedia.org/wiki/Freiheitsbaum, konsultiert am 22.6.2025
Gabathuler, Hansjakob: Projekt Freiheitsbaum, in: Werdenberger Jahrbuch 11 (1998), Buchs SG: BuchsMedien, 1997, S.17.
Gabathuler, Jakob: Das Lebensbild des Markus Vetsch von Grabs 1757-1813. Schneider, Arzt und Agronom – Volkstribun, Politiker und Menschenfreund, St. Gallen: Im Selbstverlag des Verfassers, XXlV + 505 + 12 S.
Hagmann, Ulrich Friedrich: Die Geschichte der Gemeinde Sevelen, 2. Band. Hg.: Evangelische Kirchgemeinde, Ortsgemeinde und Politische Gemeinde Sevelen, Sevelen 1984, 377 S.
Hagmann, Werner: Ein vergessener Maler und Alpinist aus Sevelen. Gottfried Bernhard Litscher (1853-1899) und das Todesdrama am Gamsberg, in: Werdenberger Jahrbuch 24 (2011), Buchs SG: Verlag BuchsMedien, 2010, S. 121-135.
Hochuli, Gerhard: Freiheitsbäume im Werdenberg 1798. «… beinahe die grösste und schönste Tanne im ganzen Walde», in: Werdenberger Jahrbuch 11 (1998), Buchs SG: BuchsMedien, 1997, S. 53-58.
Mühlestein, Jakob: Die Werdenberger Freiheitsbäume, in: Der Alvier. Beilage zum «Werdenberger & Obertoggenburger», Buchs SG, Nr. 11 / 1941.
Rohrer, Hansruedi: Werdenberg erhält nochmals einen «Freiheitsbaum». Aufrichte beim Regionalmuseum Schlangenhaus, in: Werdenberger & Obertoggenburger, 12./13.6.1998, S.2.
Rohrer, Hansruedi: 200 Jahre Freiheit für die Grabser. Die Studner errichten ihren neuen Freiheitsbaum, in: Werdenberger & Obertoggenburger, 29.6.1998, S.5.
Schindler, Dieter: Werdenberg als Glarner Landvogtei. Untertanen, ländliche Oberschicht und «fremde Herren» im 18. Jahrhundert. Separatdruck aus St. Galler Kultur und Geschichte, Bd. 15, Buchs SG: BuchsDruck AG, 1986, 208 S.
Trümpy, Hans: Der Freiheitsbaum, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 57 (1961), S. 103-122.
Dieser Beitrag erscheint in gedruckter Form im Jahrbuch «Unser Rheintal» 2026, welches im Buchhandel oder unter https://www.unser-rheintal.ch/ erhältlich ist.

























