Die Raben, die Katze und der Dämon – zum Bendner Fährunglück von 1587

Am 16. April 1587 ereignete sich am Rheinübergang Bendern-Haag ein schweres Fährunglück, bei dem über 80 Personen aus Gams ertranken. Die Katastrophe fand eine ausführliche  Darstellung in Johann Jakob Wicks zeitgenössischer «Wunderchronik», die weit über die  knappen Angaben in anderen Chroniken hinausgeht – und ausserdem eine Abbildung enthält.

Die «Wickiana»
Der reformierte Pfarrer Johann Jakob Wick (1522-1588) wirkte ab 1557 als Archidiakon und Chorherr am Zürcher Grossmünster, wo er in engem Kontakt zu Heinrich Bullinger stand dem Nachfolger des Zürcher Reformators Ulrich Zwingli. Von 1560 bis zu seinem Tod stellte Wick 25 je rund 600 Seiten starke Foliobände zusammen, die sogenannten Wickiana. Sie enthalten handschriftliche Aufzeichnungen und Druckschriften zu geschichtlichen Vorkommnissen, Naturereignissen, Unglücksfällen und Verbrechen, in welchen Wick «Wunderzeichen Gottes» erkannte. Im letzten Band findet sich ein Eintrag zum Bendner Fährunglück von 1587.

Das Fährunglück
Gemäss der Darstellung Wicks zogen am 16. April 1587 115 «Weibs- und Mannspersonen» aus dem katholischen Gams samt ihrem «Pfaffen und Kreuz» durch die reformierte Herrschaft Sax-Forstegg und mit der Fähre über den Rhein nach Bendern. Dort befand sich damals der Sitz des vor der Reformation aus Chur geflohenen Klosters St. Luzi. Nachdem sie «ihren Götzendienst» in der Bendner Kirche «nach ihrem Brauch» erledigt hatten. machten sich die Gamser – «mehrteils wohl bezecht und betrunken» – auf den Heimweg. Die trotz einer Warnung des Fährmanns mit 104 Personen überladene Fähre schlug beim Ablegen mit dem Heck ans Ufer und geriet aus dem Gleichgewicht, «also dass das eine Halbteil des Schiffs unter dem Wasser, das andere Halbteil ob dem Wasser war, und also schier aufrecht stund». Die Leute aber fielen «häuflich übereinander ins Wasser, und sind ungefährlich bei fünfundachtzig junge und alte Menschen ertrunken.»

Achtzig Opfer aus Gams sind namentlich aufgelistet, allen voran der «Leutpriester», der Ammann, der Weibel und vier Gerichtsleute. Die Liste ist unterteilt in verheiratete Männer und Frauen, deren ledige, degentragende Söhne, erwachsene ledige Töchter, Jugendliche und Kinder. Allein drei «Knechte» gehörten nicht den Gamser Familien an. 

Konfessioneller Streit
Gleich nach dem Unglück erhob sich gemäss Wick ein «Geschrei», weil die (reformierten) Pfarrer von Sennwald, Sax und Grabs angeblich gepredigt hatten, «es wäre den Gamsern recht ergangen, es sei ihnen wohl zu gönnen» –  sie hätten eben, anstatt eine «Wallfahrt» über den Rhein zu unternehmen, daheimbleiben sollen, wo sie genauso gut hätten beten können. Aber auch die katholischen Gamser beteiligten sich an Gerüchten und Schuldzuweisungen: In Gams nämlich «sei gredt worden», die der Herrschaft Sax-Forstegg unterstehenden Schiffleute hätten die ihren «umgebracht» und «gemordet». Diesen Vorwurf gegenüber seinen Fährleuten parierte Freiherr Johann Christoph von Hohensax mit der Aufforderung, in Gams eine Gemeindeversammlung abzuhalten. Dort liess er den Gamsern durch seine Amtleute nach einigen Worten des Trostes vorhalten, wenn sie die Schiffleute beschuldigten, sollten sie eine förmliche Klage vor ihm in Forstegg erheben. Dass aber «seine Pfarrer» eine «Freude» an dem Unfall gehabt und gepredigt hätten, es sei den Ertrunkenen recht geschehen, sei nicht wahr – wer das behaupte, müsse bestraft werden.

Nachdem sich die Gamser beratschlagt hatten, dankten sie dem Freiherrn für seinen Trost und beteuerten, sie gäben den Schiffleuten keine Schuld, sondern nur sich selbst. Jene aber, die üble Reden über die Pfarrer verbreiteten oder diesen Reden Glauben schenkten, wollten sie bestrafen. 

Wunderzeichen Gottes und Tiersymbolik 
Inwieweit Wick die durch das Unglück ausgelösten konfessionellen Auseinandersetzungen polemisch überzeichnet darstellte, lässt sich kaum klären. Die Schilderung fügt sich jedoch in die konfessionspolitische Stossrichtung der Wickiana ein, In den von ihm verarbeiteten «Historien» sah Wick Wunderzeichen Gottes, die, so Franz Mauelshagen, «zu Besserung, gutem Leben und rechtem Glauben ermahnten». Geschichte verstand Wick als Heilsgeschichte, als Kampf zwischen Gott und seinem Volk einerseits und deren Widersachern – den «Gegnern des wahren Glaubens», also auch den Katholiken – andererseits.
Diesem ideologischen Rahmen entspricht auch die im Text und in der Abbildung enthaltene Tiersymbolik. Schon auf dem Weg von Gams zum Rhein hätten sich zwei Raben – sie gelten als Unheil verkündende Todesboten – krächzend auf das Vortragekreuz gestürzt. Noch stärker ist die Symbolik der Abbildung. Die von der idealtypisch als Basilika dargestellten Bendner Kirche zur Fähre ziehende Prozession wird von einer Katze begleitet (vorne Mitte) – sie repräsentiert im Volksglauben den Satan und verkündet als dämonisches Wesen Zukunft und Schicksal. Unten links reitet der ertrinkende Gamser Pfarrer mit Kreuz und Kirchenfahne in der Hand auf einem roten, hahnartigen Dämon. Ein starkes Bild für die in reformierter Sicht vom Teufel fehlgeleiteten Altgläubigen.

Schliesslich flocht Wick auch in diesen Bericht ein Wunder ein. Noch neun Wochen nach der Tragödie habe man Leichen aus dem Wasser gezogen, die zwar nach der langen Zeit «kein Haar mehr auf dem Haupt hatten» und unkenntlich waren, jedoch so stark aus Mund, Nase und Augen bluteten, dass das noch frisch wirkende Blut durch die Bahren, auf denen man sie trug, hinabtropfte.

Viele Leute hätten darin ein «Zeichen» gesehen, allerdings nicht dafür, dass es sich (wie zu erwarten) um eine Strafe Gottes gehandelt habe, sondern dafür, dass die unvorsichtigen Fährleute an allem schuld waren, oder dass «die Seelen der Ertrunkenen behalten (gerettet) wären». Diese versöhnliche Interpretation bekräftigte Wick mit einem abschliessenden Wunsch für die Ertrunkenen: «Gott verleihe ihnen eine fröhliche Auferstehung».

Fabian Frommelt, Liechtenstein-Institut, Bendern

Quellen und Literatur
Zentralbibliothek Zürich, Handschriftenabteilung, Ms. F 35: Sammlung von Nachrichten zur Zeitgeschichte aus den Jahren 1560-1587 von Johann Jakob Wick (sog. Wickiana), Bd. 25, Zürich 1587, fol. 136v–143v, 143r, 152r-152r–v (online: doi.org/10.7.7891/e-manuscripta-17729).
symbolonline.eu
Mauelshagen, Franz: Wunderkammer auf  Papier. Die «Wickiana» zwischen Reformation und Volksglaube, Epfendorf/Neckar 2011.
Mauelshagen, Franz: Wick, Johann Jakob, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 11.01.2015 (online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/027787/2015-01-11).

Erschienen in: gamprinbendern. Informationen aus der Gemeinde Gamprin, Nr. 1/2025, S. 34f.